12. Februar 2018

Rezension Dieter David Seuthe - Frankfurt verboten

Das erste Mal wurde ich auf dieses Buch bereits letztes Jahr im Herbst aufmerksam, als Verlegerin Anya Schutzbach die Geschichte auf der Frankfurter Buchmesse vorstellte. Bereits damals dachte ich mir, das ist eine Geschichte, die ich lesen muss. Das Thema h├Ârte ich zwar nicht unbedingt nach leichter Unterhaltung an, aber ich bin der Meinung, dass wir solche Geschichten brauchen, um nicht zu vergessen, was Hass und Rassismus anrichten k├Ânnen.

Zum Inhalt:


Elise Herrmann ist ein junges M├Ądchen, das schon in jungen Jahren als aufstrebende Pianistin auf sich aufmerksam macht. Mit Hilfe eines Stipendiums gelingt es ihr, einen Ausbildungsplatz am Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt zu bekommen. Gleichzeitig erlebt sie mit Max von Hochem das erste Mal, was es bedeutet, verliebt zu sein. Das Leben k├Ânnte so sch├Ân sein, wenn es nicht 1929 w├Ąre - und Elise nicht J├╝din ...

Meine Meinung:


Wie findet man f├╝r etwas Worte, was man sich heute nur noch schwer vorstellen kann, wenn man nicht im Deutschland der 30er und 40er gelebt hat? Dieter David Seuthe ist es mit seinem Buch "Frankfurt verboten" jedenfalls gelungen. Seine schlichte Sprache zieht einen sehr schnell in das Buch, in das Leben der jungen Leute in Frankfurt.

Die Geschichte startet 1929 in Bad Ems, einem Ort in der N├Ąhe von Frankfurt: Elise ist jung und unerfahren, aber leidenschaftliche Pianistin, mit einem Talent, mit dem sie die Gef├╝hle ihrer Mitmenschen erreichen kann. Gleichzeitig ist sie J├╝din, lebt allerdings nicht wirklich nach j├╝dischen Traditionen ...

Ihr Jugendfreund Arno hilft ihr, ein Konzert f├╝r ihre erblindende Gro├čmutter Louise zu organisieren. Alles l├Ąuft gut, w├Ąren da nicht die Nationalsozialisten, die sich nicht zu schade sind, das Konzert zu mit Pfiffen und Buhrufen zu st├Âren. Elise ist verst├Ârt, denn sie kann nicht verstehen, was sie diesen Leuten getan hat. Dieses Unverst├Ąndnis stellt Seuthe meiner Meinung nach sehr gut dar, Elise ist nicht unbedingt ein politischer Mensch, ist bis jetzt sehr beh├╝tet aufgewachsen.

Dies ├Ąndert sich mit ihrem Umzug nach Frankfurt, wo sie auch ihre erste Liebe Max kennenlernt. Der junge Mann ist Arier, hat gl├Ąnzende Aussichten, als Jurist Karriere zu machen. Es ist mehr oder weniger Liebe auf den ersten Blick. Gleichzeitig gewinnt Elise neue Freunde, die von ├╝berall her gekommen sind, um in Frankfurt Musik zu studieren. Das Frankfurt dieser Zeit ist liberal, Homosexuelle m├╝ssen sich nicht mehr verstecken, Jazz und Swing werden in eigenen Musikkellern gespielt, auch wenn Elise eher eine klassische Karriere anstrebt.

Aber die Schatten werden l├Ąnger, denn Hitler ergreift die Macht - und Elise muss auf einmal feststellen, dass ihresgleichen nicht mehr in Deutschland, ihrem Deutschland, das sie als Heimat betrachtet, erw├╝nscht ist. Max versucht alles, sie zu sch├╝tzen, aber kurz bevor Elise ihr Deb├╝t geben kann, wird es j├╝dischen K├╝nstlern verboten, in Frankfurt aufzutreten. Frankfurt verboten, diese zwei Worte begleiten Elise von nun an - und die Maschen werden immer enger.

Seuthe beschreibt abwechselnd als auktorialer Erz├Ąhler als auch in Form von Briefen, wie Elise diese Zeit erlebt. Gerade diese Briefe sind es auch, die mich zeitweise zu Tr├Ąnen ger├╝hrt haben. Eigentlich m├Âchte sie ja nichts anderes machen, als Klavier zu spielen (und auch Sch├╝ler zu unterrichten), aber die Nazis boykottieren sie, wo sie nur k├Ânnen, bedrohen sie sowohl mit psychisch als auch physisch. Max versucht dabei alles, ihr zu helfen, tritt daf├╝r sogar in die NSDAP ein, aber die Angst ist vor allem nach 1933 allgegenw├Ąrtig.

Gleichzeitig wird das Frankfurt der Vorkriegszeit wieder lebendig, Stra├čen, Pl├Ątze und Orte werden anschaulich beschrieben, wo Elise wohnt und arbeitet. Gerade wenn man die Stadt ein bisschen kennt, kann man gar nicht anders, als das Gef├╝hl zu haben, Frankfurt von einer anderen - l├Ąngst vergangenen - Seite kennenzulernen. Der Autor weist beispielsweise im Nachwort daraufhin, dass es das Hoch'sche Konservatorium in der von ihm beschriebenen Stra├če wirklich gegeben hat ...

Ab einem gewissen Punkt wird zwar das Ende vorhersehbar, aber trotzdem ist es nicht weniger traurig. Daher kann ich nur sagen: Taschent├╝cher bereitlegen, wer dieses Buch lesen will! Und vielleicht nebenher Gr├Ânemeyers "Mensch" h├Âren - dieses Lied ging mir jedenfalls die ganze Zeit beim Lesen im Kopf herum ...

Mein Fazit:


"Frankfurt verboten" ist in meinen Augen ein sehr sch├Ânes, trauriges, aber auch wichtiges Buch. Mit einfachen Worten gelingt es dem Autor eindringlich darzustellen, wie das Leben im Frankfurt der 30er Jahre f├╝r die Juden unter den Nazis gewesen sein muss ... Taschent├╝cheralarm!

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 370 Seiten
  • Weissbooks
  • 978-3863370237

3 Kommentare

  1. Liebe Ascari,
    auf diese Rezension habe ich lange gewartet! Ich freue mich sehr, dass dir das Buch so gefallen hat, da ich es auch im Auge habe. Es ist eines der B├╝cher #GegenDasVergessen. Und da es in Frankfurt spielt, ist es umso interessanter f├╝r mich! Es steht schon auf meiner Wunschliste!
    GlG, monerl

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Hallo Ascari!

    Ein sehr interessantes Buch. Ich finde es immer wieder spannend zu lesen, wie sich die Menschen verhalten haben. Diese Geschichten zeigen oft auch, dass es nicht nur schwarz und wei├č bzw. gut und b├Âse gegeben hat und gibt. Oftmals tun die Menschen Dinge von denen sie nicht ├╝berzeugt sind und w├Ąhlen so das kleinere ├ťbel. #WiderDasVergessen ist wichtig, damit wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen k├Ânnen.

    Liebe Gr├╝├če
    Sabrina
    P.S. Deine Rezension verlinke ich wie abgemacht sehr gerne.

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