27. Januar 2018

Rezension Ferdinand von Schirach - Verbrechen

Ferdinand von Schirach kann sich rühmen, einen eigenen Eintrag in der Wikipedia zu haben - und nicht mal einen so kurzen. Das ist aber nicht der Grund, warum wir, die #bbfliest Runde, uns nach dem letzten Buch für etwas ganz anderes entschieden haben.

Schirach ist Strafverteidiger und als solcher hat er schon viele Menschen, Schicksale und Geschichten kennengelernt. "Verbrechen" ist sein erstes Buch aus dem Jahr 2009, aber nicht sein letztes.

Der Klappentext:


Ein angesehener, freundlicher Herr, Doktor der Medizin, erschlägt nach 40 Ehejahren seine Frau mit einer Axt. Er zerlegt sie förmlich, bevor er schließlich die Polizei informiert. Sein Geständnis ist ebenso außergewöhnlich wie seine Strafe.

Ein Mann raubt eine Bank aus, und so unglaublich das klingt: Er hat seine Gründe. Gegen jede Wahrscheinlichkeit wird er von der deutschen Justiz an Leib und Seele gerettet. Eine junge Frau tötet ihren Bruder. Aus Liebe. Lauter unglaubliche Geschichten, doch sie sind wahr.

Meine Meinung:


In meinen Augen gibt der Klappentext nur unzureichend wieder, was den Leser in diesem Buch erwartet. Denn die elf Geschichten sind so unterschiedlich wie das Leben selbst. Bereits die erste Geschichte stellt eine interessante Frage, denn beurteilt man ausschließlich nach der Tat, ist der freundliche Herr so schuldig wie nur irgendetwas.

Folgt man allerdings der Lebensgeschichte des Herrn, beginnt man, die Tat mit anderen Augen zu sehen, sogar etwas wie Sympathie zu empfinden. Die Frage nach Schuld und Unschuld ist nicht immer so eindeutig, wie man annehmen möchte, das führt dieses Buch sehr eindrücklich vor Augen.

Die Verbrechen, die Schirach schildert, umfassen ebenfalls die gesamte Bandbreite des menschlichen Lebens, denn ein Verbrechen muss nicht zwangsläufig mit einem Toten enden genauso wenig wie mit einem Schuldigen, der bestraft werden kann.

Das wahre Leben schreibt Geschichten, die sich oft nicht einmal der ausgebuffteste Krimi- oder Thriller-Autor ausdenken kann, und ist gerade deswegen umso grausamer, wenn man weiß, dass die beschriebenen Gräueltaten so wirklich passiert sind. Das Wissen darum, was Menschen einander antun können, führt uns Schirach an einigen Stellen sehr ausdrucksvoll vor Augen - was mich beim Lesen einige Mal schlucken ließ.

Dabei hat der Autor einen eher sachlichen Schreibstil, umreißt kurz und bündig den Werdegang der Menschen, der sie zu dem werden ließ, was sie zu dem Zeitpunkt sind, wo der Autor sie in seiner Funktion als Strafverteidiger kennenlernt. Die einfache und eher knapp gehaltene Sprache entspricht dem, was ich mir von einem Menschen in diesem Beruf vorstelle, trotzdem hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle gewünscht, noch mehr Details zu erfahren. Viele Dingen blieben - bewusst oder unbewusst - an der Oberfläche.

Trotzdem halte ich dieses Buch für eine interessante Möglichkeit, über den Tellerrand des eigenen Lebens zu blicken. Was Menschen bewegt, Dinge zu tun, wird meist von den Medien verschwiegen, Schirach dagegen widmet sich meiner Meinung nach genau diesen Dingen, um zu zeigen, dass die Frage nach Schuld, Schuldfähigkeit und entsprechender Strafe nicht immer ein Schwarzweiß ist.

Mein Fazit:


Ferdinand von Schirach geht in "Verbrechen" mit seinen Geschichten sehr schön darauf ein, dass das Leben nicht immer so leicht in Schablonen zu pressen ist, wie wir das gern tun. Auch wenn ich an manchen Stellen gern mehr erfahren hätte, wird dieses Buch sich ganz bestimmt in mein Gedächtnis einbrennen, da es viele spannende Fragen über das Menschsein stellt.

  • ★★★★
  • Hardcover
  • 208 Seiten
  • Piper
  • 978-3492053624

13 Kommentare

  1. Hallo liebe Ascari
    auf die Rezension habe ich gewartet.
    "Verbrechen" habe ich vor einiger Zeit gelesen und auch wenn mir nicht mehr alles im Kopf geblieben ist war es wie du schilderst eben der Tellerrand über den man blicken (muss). Was bewegt einen Menschen dazu einen anderen zu töten? Oft kennen wir nur die Fassade aber das was dahinter versteckt liegt hat von Schirach sehr gekonnt offengelegt auch wenn es wirklich sehr nüchtern Rübe kam. Aber vielleicht darf man in 'solchen' Fällen keine Emotionen zu lassen?! Wenn es dir gefallen hat würde ich 'Der Fall Colini' empfehlen, das geht auch in diese Richtung und hatte mich sehr begeistert.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Kerstin

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    1. Liebe Kerstin,

      danke für den Buchtipp! Das schaue ich mir auf jeden Fall mal an :). Hast du eigentlich auch die Nachfolgebände von Schirach gelesen?

      Liebe Grüße
      Ascari

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  2. Liebe Ascari,

    das klingt schon sehr interessant. Ich schau ja gern mal, in die Seelen der Menschen ;-).

    Liebe Grüße

    Anja

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    1. Ich finde, interessant wird dieses Buch hauptsächlich dadurch, weil die Geschichten echt sind. Echt in dem Sinn, dass sie wirklich passiert sind ... Viel Spaß beim Lesen!

      Liebe Grüße
      Ascari

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  3. Hallo Ascari,
    das klingt sehr sehr interessant. Psychologisch und philosophisch. Ich würde mir von dem Buch erwarten, neue Denkanstöße über das Menschsein zu bekommen. Mehr über solche Ausnahmesituationen zu erfahren und über das, was einen Menschen, sicherlich auch völlig normale Menschen, zu Mördern machen kann.

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    1. Liebe Daniela,

      das kann ich mit gutem Gewissen bejahen! Du bekommst Einblicke in Menschen, die du so normalerweise bestimmt nicht triffst ... Oder du triffst sie und du weißt es nicht. Schirach schafft es in meinen Augen außerdem, die Situationen und die Menschen nicht zu bewerten, er schildert einfach mit einer gewissen Distanz, was passiert ist.

      Liebe Grüße
      Ascari

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    2. Hi Ascari,
      ja, das mag schlimmer sein, man trifft sie und weiß es nicht. Man kann nicht in die Menschen sehen..
      Ich hab deinen lesenswerten Beitrag bei meiner Blogwanderung KW 5 verlinkt.
      Alles Liebe - Daniela

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    3. Danke! Das ist sehr lieb!

      Liebe Grüße
      Ascari

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  4. Klingt ganz nach einem Buch für mich! Hatte bereits die ein oder andere Rezension sowie einige Tweets dazu gelesen - deine Besprechung bestätigt mein Lesen-wollen!

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    1. Liebe Janna,

      das Buch empfehle ich wirklich gern weiter! Auch wenn mich jetzt nicht jede Geschichte darin zu 100 Prozent fesseln konnte, war es insgesamt schon sehr interessant :).

      Liebe Grüße
      Ascari

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    2. Bei mehrere Kurzgeschichten erwarte ich auch nicht das jede überzeugt ;) Da zählt der Gesamteindruck

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  5. Hab eure Runde so mit halben Ohr verfolgt und schon gemerkt, dass das Buch diesmal gar nicht so schlecht abgeschnitten hat :P
    Ich glaub ich halt mal die Augen offen und werde das Buch auch einmal zur Hand nehmen!

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    1. Kann ich mit gutem Gewissen empfehlen!

      Liebe Grüße
      Ascari

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